Bangladesch

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung prägen Armut und soziale Gegensätze das bevölkerungsreiche asiatische Land. Infolge des Klimawandels ist Bangladesch zunehmend mehr von Naturkatastrophen bedroht. Helvetas unterstützt Bauernfamilien dabei, sich besser vor Fluten zu wappnen. Das Land muss Abstand nehmen von der Ausrichtung auf Ertrags- und Profitmaximierung und seine natürlichen Ressourcen schonender nutzen. Sonst entstehen unwiderbringliche Verluste für Mensch, Landschaft und Tierwelt. Das gilt insbesondere auch für die Crevettenzucht.

Die südasiatische Republik Bangladesch hat rund 159 Millionen Einwohner und ist mit über 900 Menschen pro km2 der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1947 gehörte Bangladesch bis 1971 zu Pakistan. Mit der Unterstützung Indiens hat es sich 1971 in einem verlustreichen Krieg die Unabhängigkeit erkämpft; nach Schätzungen verloren dabei drei Millionen Menschen ihr Leben. Heute ist die islamisch geprägte Republik politisch verhältnismässig stabil. Korruption, politische Gewalt und Kriminalität gehören jedoch zum Alltag.

Das grösste Problem Bangladeschs ist die Armut, auch wenn die Volkswirtschaft, vornehmlich die Textilwirtschaft, seit 1971dank ausländischer Investoren kontinuierlich gewachsen ist. Trotz Massnahmen der Regierung lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich ist in der Hauptstadt Dhaka besonders augenfällig, wo in unmittelbarer Nähe zu den Slums modernste Bürohochhäuser und Luxusvillen stehen.

Bangladesch sieht sich regelmässig mit Überschwemmungen und anderen extremen Naturereignissen konfrontiert. Während des Monsuns stehen ganze Landstriche unter Wasser. Fluten und Wirbelstürme undDürren haben wegen der Klimaveränderung zugenommen. Damit werden für das überbevölkerte Bangladesch die an sich schon zu knappen Landreserven noch knapper. Vielen bleibt nur die Abwanderung in die Städte oder ins Ausland. Ein empfindlicher Rückschlag für die in den letzten Jahrzehnten erzielten Fortschritte in der Armutsbekämpfung.

  • Der Wasserreichtum des Landes bildet die Lebensgrundlage der Menschen in Bangladesch, aber er gefährdet auch immer wieder ihre Existenz. Das gilt besonders für die benachteiligte Landbevölkerung. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet in der Landwirtschaft. Im Gegensatz zur dominierenden Textilindustrie erbringt dieser Zweig jedoch nur 23 Prozent der Wirtschaftsleistung. Reis und Getreide werden hauptsächlich zur Selbstversorgung angebaut. Für den Verkauf wichtig geworden sind neben Reis auch Weizen, Mais, Gemüse, Zuckerrohr, Tee und Jute. Ein starker Wirtschaftszweig ist auch die industrielle Crevettenzucht.

    Im Kampf gegen Überschwemmungen werden in Bangladesch heute neue Wege beschritten: Helvetas unterstützt Reisbauern beim Anlegen von erhöhten Plateaus, auf denen sie ihre Hütten errichten können. Die Bäuerinnen haben rund um die Hütten Hausgärten angelegt, wo sie Kleinvieh halten, Früchte anbauen, Medizinalpflanzen und Bambus ziehen. Auf diesen Inseln sind die Menschen auch bei Überflutungen sicher.

    Helvetas bietet auch Ausbildungskurse für Marktfahrerinnen an und sorgt dafür, dass Kleinproduzenten ihre Erzeugnisse wie Fisch oder Gemüse an verarbeitende Betriebe verkaufen können. Kleinbauern, die ihre Familie nicht mehr nur als Selbstversorger oder Tagelöhner durchbringen können oder wollen, haben in Bangladesch die Chance, einen Mikrokredit als Startkapital aufzunehmen, um einen Kleinbetrieb aufzubauen. Hierbei hat der bangladeschische Wirtschaftswissenschafter Muhammad Yunus Pionierarbeit geleistet und die Garmeen-Bank gegründet. Dafür erhielt er 2006 den Friedensnobelpreis.
  • Mit 250 Flüssen und 80'000 km2 Fanggründen ist Bangladesch ein Wasserland. Fisch deckt 70 Prozent des Eiweissbedarfs der Menschen. Seit einigen Jahren ist Bangladesch auch einer der weltweit grössten Erzeuger von Crevetten. Mit einer Produktion von 30'000 Tonnen und Exporteinnahmen von über 300 Millionen Franken pro Jahr ist die Produktion dieser Delikatesse ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden, der einer Million Menschen Arbeit verschafft.

    Die Crevettenzucht belastet aber die Umwelt.190‘000 Hektar wertvolle Mangroven und fruchtbares Land wurden für die Crevettenbecken geopfert. Ohne den Schutz der Mangrovenwälder vor den Küsten steigt Meerwasser weit in die Flussmündungen hinauf. Die Erträge aus dem Flussfischfang sind um 80 Prozent zurückgegangen. Auch die Erträge der Reisfelder gehen wegen der Versalzung zurück. Boden ist im dicht besiedelten Bangladesch ein knappes Gut. Im Südwesten sorgten einflussreiche Leute dafür, dass Deiche geöffnet und die Felder von Salzwasser überflutet wurden. Das hat die Bauern vertrieben und es den Grossinvestoren ermöglicht, Zuchtbecken zu bauen.

    Mit Crevetten ist kurzfristig viel Geld zu verdienen. Dank Kraftfutter wachsen die Tiere in 40 Tagen zu beachtlicher Grösse heran. Damit sich in den dicht besetzten Becken keine Krankheiten verbreiten, werden Pestizide und Antibiotika eingesetzt. Teile dieses starken Cocktails gelangen in die Flüsse, Fischarten sterben aus. Auch in der Crevettenzucht regiert der Markt. Weil auch andere Länder auf Crevetten setzen, sind die Preise gefallen. In Bangladesch könnte man heute mit Reis mehr verdienen als mit Crevetten, und viele Arbeiter in der Crevettenindustrie wären gerne wieder Reisbauern. Doch die Mangroven sind für immer verloren, und die Böden werden Jahre brauchen, um sich zu regenerieren. Die nachhaltige Produktion von Crevetten braucht etwas mehr Zeit, und der Gewinn ist bescheidener, dafür dauerhafter. Die Tiere werden weniger intensiv gefüttert und dürfen nicht mit Pestiziden und Antibiotika behandelt werden. Der Fang bringt gesunde Crevetten für den Verkauf und dazu kleine Fische für die eigene Küche.