Brasilien

Brasilien gehört zusammen mit Indien und China zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächten. Das Land hat es geschafft, Ungleichheiten in der Bildung und Gesundheitsversorgung abzubauen. Doch das wirtschaftliche Wachstum kommt nicht allen zugute, es bestehen weiterhin grosse Einkommensunterschiede. Brasilien setzt auf rasche Wirtschaftentwicklung durch industrielle Landwirtschaft. Die negativen Auswirkungen sind eine Hypothek für die Zukunft.

Die Republik Brasilien ist mit rund 201 Millionen Einwohnern (2013) und einer Fläche von 8‘500'000 km² der fünftgrösste Staat der Welt und nimmt 47 Prozent Lateinamerikas ein. 90 Prozent der Bevölkerung leben in den Millionenstädten und deren Einzugsgebieten an der Ost- und Südküste. Wie in vielen Schwellenländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich gross. Die Alphabetisierungsrate von fast 90 Prozent darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die staatlichen Schulen qualitativ ungenügend sind und wohlhabende Familien ihre Kinder in Privatschulen schicken. In Krankenhäusern bekommt jeder medizinische Behandlung, doch steht dem staatlichen Gesundheitswesen nur wenig Geld zur Verfügung. Gewalt und Kriminalität in den Grossstädten und Elendsvierteln („Favelas“) liegen über dem weltweiten Durchschnitt, Korruption ist bis in die Justiz verbreitet.
 
Die Wirtschaft jedoch boomt. Mit einer Wirtschaftsleistung von rund 2‘500 Milliarden US-Dollars (2014) ist Brasilien die siebtgrösste Volkswirtschaft der Welt. Weiterhin werden hohe Wachstumsraten vorausgesagt. Das Land ist aufgrund seiner Rohstoffvorkommen, fortgeschrittenen Industrialisierung und politischen Stabilität für ausländische Investoren äusserst attraktiv.
 
Brasilien gilt ausserdem, was Flora und Fauna betrifft, als das artenreichste Land der Erde. Doch diese Artenvielfalt ist wegen wirtschaftlicher Übernutzung gefährdet. Hinzu kommt, dass viele Regierungen Lateinamerikas in der Regenwaldregion illegale Landnahme und Rodungen durch reiche Gutsherren und Investoren nicht verhindern und damit die Vertreibung der indigenen Bevölkerung zulassen.

  • Brasilien hat sich mit seiner starken Landwirtschaft eine Position auf dem internationalen Markt geschaffen. Die Produktion und Verarbeitung von Agrarrohstoffen machen 25 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. 40 Prozent der brasilianischen Agrarausfuhren gehen in die EU, 17 Prozent in die USA.

    Brasilien gehört heute zu den weltweit wichtigsten Lieferanten für Soja, Mais und Weizen. Die Besitzverhältnisse auf dem Land, eine gute Infrastruktur, Verfügbarkeit von Wasser und die selbstentwickelte Agrartechnologie haben zu diesem Erfolg beigetragen. Weitere wichtige landwirtschaftliche Exportprodukte sind Kaffee, Kakao, tropische Früchte und Zucker. Mittlerweile hat Brasilien dank Forschung und moderner Technologie auch in der Rinderzucht die bisherigen Marktführer Argentinien und Uruguay überflügelt.

    Doch diese Erfolgsgeschichte hat ihre Schattenseiten: Die riesigen Monokulturen gehören nur einer Handvoll Brasilianer; sie werden von 90 Prozent der brasilianischen Bauern teilweise unter sklavenähnlichen Bedingungen industriell bewirtschaftet. Wo früher Regenwald war, sind im Nordosten ausgedehnte Plantagen entstanden. Auch zur Gewinnung von Weideland wird im Amazonasgebiet grossflächig gerodet. Und die industrielle Landwirtschaft hat irreversible Umweltschäden verursacht. Die industrielle Produktion laugt die Böden aus, braucht viel mehr Wasser als im herkömmlichen Anbau, und der exzessive Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden führt zur Verschmutzung des Grundwassers.
  • Soja ist ein hochwertiges Nahrungsmittel. Es enthält 18 Prozent Öl und mit 28 Prozent ähnlich viel Eiweiss wie Fleisch. Heute werden drei Viertel der Ernte zu Mastfutter für Hühner, Schweine und Rinder verarbeitet und zu Eiern, Milch und Fleisch veredelt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) sagt voraus, dass sich der Fleischkonsum bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird. Im Landwirtschaftsjahr 2012/13 produzierte Brasilien 75 Millionen Tonnen Soja. Im Jahr 2021/22 dürften es 89 Millionen Tonnen sein.
     
    Beim Anbau von Soja in Monokulturen werden viel chemische Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel und Kunstdünger eingesetzt, ebenso Wasser, das oft von weit hergeleitet wird. Für die Böden im tropischen Klima ist das verheerend. Sie verlieren in wenigen Jahren ihre Fruchtbarkeit, laugen aus und bleiben als Halbwüste zurück. Weil ein grosser Anteil der Pestizide nicht zu den Pflanzen gelangt, sondern aus den Böden ausgewaschen wird, werden Flüsse, Fische und Menschen vergiftet.

    Die Sojafelder in Brasilien belegen 24 Millionen Hektar Land. Das Landwirtschaftsministerium schätzt, dass bis 2021/22 noch einmal 4,7 Millionen Hektar dazukommen, nochmals mehr als die Fläche der Schweiz also. Dafür werden transnationale Konzerne zusätzlichen tropischen Urwald roden. Zum einen verschwinden dadurch bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Zum anderen wird mit dem Urwald die natürliche Lunge des Kontinents zerstört. 75 Prozent der Treibhausgas-Emissionen Brasiliens gehen auf Waldrodungen zurück. Der Hunger nach Anbauflächen für Soja hat auch soziale Folgen: Kleinbauern werden von ihrem Land vertrieben oder gedrängt, es zu verkaufen. Damit verschärft sich die ungleiche Verteilung des Bodens in Brasilien weiter.

    Der Anbau von Soja als Futtermittel ist pure Verschwendung. Die weltweit an Tiere verfütterte Menge Soja, Mais und Weizen würde reichen, um 3 Milliarden Menschen zu ernähren. Damit wäre das globale Problem des Hungers bis in die Zukunft hinein gelöst – wenigstens von der Menge her.