Indien

Indien kann seit den 1990er Jahren eine beispiellose wirtschaftliche und technische Entwicklung vorweisen. Doch vom Fortschritt haben vor allem die Angehörigen der städtischen Mittel- und Oberschicht profitiert. Noch immer leben mehr als die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft, zumeist in ärmlichen Verhältnissen. Die sozialen Probleme beschränken sich nicht auf die Slums der Millionenstädte, sondern haben ihre Wurzeln in der oft aussichtslosen Lage der ländlichen Bevölkerung.

In Indien, der grössten Demokratie der Welt, leben mehr als 1,2 Milliarden Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachen. Die indische Republik ist ein Land extremer Gegensätze. Hier leben die reichsten und zugleich die ärmsten Menschen der Welt. Indien ist heute einerseits eine Wirtschafts- und Nuklearmacht, ein Zentrum der Forschung und Hightech-Industrie, andererseits leben 70 Prozent der Bevölkerung in Armut. Das Bevölkerungswachstum ist dank staatlicher Programme zur Familienplanung gesunken, dennoch wächst Indien jedes Jahr um über 15 Millionen Menschen. Der Staat erlässt seit Jahrzehnten eine Vielzahl sozialer Förderprogramme, doch versickert ein Grossteil der Gelder wegen Bestechung und Korruption. Das erklärt, warum Indien auf dem Entwicklungsindex der UNO immer noch einen bescheidenen Rang einnimmt.

Die meisten Inderinnen und Inder leben auf dem Land. Viele junge Leute wandern jedoch in die Millionenstädte ab, wo sie sich Arbeit und Verdienst erhoffen. Neben dieser meist mittellosen Unterschicht hat sich eine gut ausgebildete, wohlhabende städtische Mittelschicht gebildet.

Seit den 90er Jahren hat sich Indien zunehmend nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen ausgerichtet, worauf die Wirtschaft bis 2008 um 7,5 bis 9,5 Prozent pro Jahr anwuchs. Der Einbruch im Jahr 2012 – das Wachstum betrug nur noch 5 Prozent – ändert nichts daran, dass Indien innerhalb kurzer Zeit der Sprung vom Entwicklungs- zum Schwellenland gelungen ist. Politisch und wirtschaftlich bedeutsam, ist Indien auch zu einem der wichtigsten globalen Partner in der Entwicklungszusammenarbeit geworden.

  • Vom wirtschaftlichen Aufschwung hat die Landbevölkerung kaum etwas gespürt. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft, Deren Anteil am BIP sinkt und beträgt heute noch 14 Prozent. Der Grossteil der Familien betreibt Selbstversorgung. Für den inländischen Markt werden vor allem Reis, Weizen und Hülsenfrüchte angebaut. Indien gehört ausserdem zu den weltgrössten Produzenten von Zuckerrohr und Tee. Weitere landwirtschaftliche Produkte, wie Obst, Gemüse, Milchprodukte, Fisch, Nüsse und Gewürze, tragen zur reichen Palette der indischen Küche bei. 30 bis 40 Prozent der Ernten verderben jedoch wegen der schlechten Transportverhältnisse und dem Mangel an Kühlhäusern. Ausländische Grosskonzerne haben gentechnisch verändertes Saatgut nach Indien gebracht, das verspricht höhere Erträge, verlangt aber eine stärkere Düngung und den Einsatz von Pestiziden. Profitiert haben vor allem die reicheren Bauern und die Zwischenhändler, während sich viele Kleinbauern durch Investitionen verschuldet haben. Ganz zu schweigen von den Risiken, die der Anbau gentechnisch veränderten Saatguts und die flächendeckende Verwendung von Pestiziden für Mensch, Tier und Böden mit sich bringt.

    Bodenerosion und Wüstenbildung gefährden 60 Prozent der Nutzfläche. Die Ressourcen Wasser und fruchtbares Land sind auch wegen der Klimaveränderung bedroht. Daraus erwächst dem bevölkerungsreichen Land ein erhebliches Konfliktpotential. Helvetas arbeitet zusammen mit einer unabhängigen nationalen Entwicklungsorganisation an Projekten zu Klimaschutz,
    Bio-Landbau und zur Stärkung lokaler Behörden.
  • Reis ist das Grundnahrungsmittel jedes zweiten Erdenbewohners. In Indien, dem Reisland schlechthin, kultivieren Kleinbauernfamilien den Reis zur Selbstversorgung oder für den Verkauf. Meist wird er im Nassanbau gepflanzt – es braucht 3000 bis 5000 Liter Wasser, um ein Kilogramm Reis zu produzieren. Landesweit fördern 21 Millionen Pumpen Wasser für die Landwirtschaft, der Grundwasserpegel sinkt bedrohlich.

    Viele indische Kleinbauernfamilien besitzen kein eigenes Land. Sie bezahlen einen Pachtzins und müssen teures Saatgut, Kunstdünger und Pestizide kaufen. Dafür nehmen die Bauern Kredite auf. So sind die meisten schon vor der Aussaat verschuldet. Um die Schulden auf den Termin zurückzuzahlen, müssen sie für ihre Ernte die schlechten Preise akzeptieren, die ihnen von den Aufkäufern bezahlt werden. Oft deckt der Erlös die Ausgaben nicht. In Indien sind die Selbstmorde von hoch verschuldeten Bauern zu einem landesweiten Problem geworden.

    Andere Bäuerinnen und Bauern, die ihr Land verloren haben, gehen und arbeiten als Tagelöhner. Sie verdingen sich als Erntehelfer oder Wanderarbeiterinnen, arbeiten mal hier mal dort und finden an vielen Tagen keine Arbeit. Die Löhne genügen nicht, um die Familie zu ernähren, und so müssen auch die Kinder mitverdienen. Wer krank ist oder einen Unfall hat, verdient nichts. Viele versuchen ihr Glück in der Stadt. Doch die meisten müssen sich ins Heer der Arbeitslosen einreihen. Andere suchen im Ausland nach Arbeit, z.B. als Bauhandlanger oder Haushaltshilfe.

    Für innovative Bauern- oder Landlosenfamilien gibt es eine Alternative: bleiben und Ideen entwickeln. Beim „Riverbed farming“ werden die während der Trockenzeit freiliegenden Teile eines Flussbetts genutzt, um Gemüse anzupflanzen. Gemeinschaftliche Saatgutbanken geben Kleinbauern kostenlos traditionelle Reissamen ab. Im Norden des Landes unterstützt Helvetas die Umstellung der Reisbauern auf biologische und wassersparende Produktion. Die in Genossenschaften organisierten Bäuerinnen und Bauern können ihren hochwertigen Basmatireis zu fairen Preisen in die Schweiz liefern, wo er bei Coop verkauft wird.

Helvetas-Projekt: "Riverbed Farming"